Dekanat Wirtschaftsingenieurwesen

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24.09.18 |

Gewächshauspark „Issyk-Kul“ in Kirgistan: FHWS und kirgisische Universitäten arbeiten zusammen

Bis Mai 2019 läuft Machbarkeitsuntersuchung zum Aufbau eines Gewächshaus- und Technologieparks in Kirgistan

Pflege von Gurken-Jungpflanzen in einem Gewächshaus nahe der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. (Foto Rolf Kuchenbuch)

Der Ala-Archa-Nationalpark liegt vierzig Kilometer von der Hauptstadt Bishkek entfernt. (Foto Rolf Kuchenbuch)

Das Gletscher-Abflusswasser ließe sich für die Treibhäuser nutzen, wenn man die Sedimente darin entfernt. (Foto Rolf Kuchenbuch)

Straßenmarkt in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek.(Foto Rolf Kuchenbuch)

Im links abgebildeten Bodensubstrat in Kirgisistan erhalten die Pflanzen zu viel Wasser, das rechte ist hart wie Zement und lässt kein Leben und Wachstum zu. Alternativen sind gefragt. (Foto Rolf Kuchenbuch)

Einen Gewächshauspark zur ganzjährigen Gemüseproduktion zu errichten, mag aus deutscher Sicht Stand der Technik sein. In dem zentralasiatischen Hochgebirgsland Kirgistan ist das hingegen nicht selbstverständlich. Im Rahmen des BMBF-Förderprogrammes „Client II“ fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung für sechs Monate das Definitionsprojekt „ProVeCA – Protected Cultivation of Vegetables for Central Asia” zur Durchführung einer Machbarkeitsuntersuchung, in der die Realisierung eines Gewächshausparks am Gebirgssee Issyk-Kul auf 1.600 Metern Höhe in Kirgistan in Kombination mit einem Technologie- und Ausbildungspark zur ganzjährigen Produktion von Gemüse sondiert werden soll. Das Projekt leitet Professor Dr.-Ing. Veselin Panshef von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt (FHWS). Von den Projektfördergeldern bezahlt die FHWS zwei halbe Stellen für Projektmitarbeiter. Am Projekt beteiligt sind neben der FHWS drei Universitäten aus Kirgistan, an denen zwei deutsche Dozenten, die für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) dort arbeiten, ein international tätiges Forschungscenter im Bereich Agroforestry sowie Vertreter von klein- und mittelständischen Unternehmen.

Mit sechs Millionen Menschen lebt Kirgistans Bevölkerung zu 41 Prozent unterhalb der Armutsgrenze in einem zu achtzig Prozent gebirgigen Land mit extrem unterschiedlichen Klimazonen und wenig Niederschlägen. Die Landwirtschaft ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren, sie hat einen Anteil von rund 15 Prozent am Bruttosozialprodukt und stellt einen Anteil von ca. vierzig Prozent an Beschäftigten. Sie ernährt mit Getreide sowie Viehzucht die Bevölkerung überwiegend für den Eigenbedarf (Subsistenzwirtschaft). Die Infrastruktur des Landes ist aufgrund der Gebirgszüge und fehlender Schienen- und Wasserwege sehr kompliziert, die Versorgung mit Düngemitteln sowie Maschinen ist knapp, die Bewässerungskanäle sind in einem schlechten Zustand.

Die Messlatte der angestrebten Projektziele liegt hoch: Zum einen sollen die Lebensgrundlagen der kirgisischen Bevölkerung verbessert und möglichen Fluchtursachen durch optimierte Ernährung und Gesundheit, Bildung und Knowhow-Transfer, Schaffung von Arbeitsplätzen sowie einer nachhaltigen Existenzgrundlage begegnet werden. Zum zweiten soll die Bildung und Forschung in Deutschland gefördert werden, und zum dritten sollte die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gestärkt werden.

Die Region um den See Issyk-Kul habe gegenüber weiteren Regionen des Landes deutliche Entwicklungsvorteile, so Professor Dr. Rolf Kuchenbuch (angewandter Pflanzenernährer an der Nationalen Agrar-Universität sowie der Kirgisisch-Türkischen Manas Universität) und Dr.-Ing. Stefan Dilfer, DAAD Fachlektor für Ingenieurwissenschaften an der Staatlichen Kirgisischen Technischen Universität in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Sie bietet eine Nähe zu den Verbrauchermärkten, zu Service- und Logistik-Unternehmen sowie zu Ausbildungsstätten und Verwaltungszentren. Aufgrund ihrer natürlichen und geschaffenen Voraussetzungen (Klima, Wasser, Verkehrsinfrastruktur) besitzt sie optimale Grundlagen für die Entwicklung eines spezialisierten Pflanzenbaus. Das Verbundvorhaben verfolge, so Projektleiter Professor Dr.-Ing. Veselin Panshef, das Ziel, einen Gewächshaus-/Technologiepark zu errichten, mit dessen Hilfe Kleinbauern in modular aufgebauten Gewächshäusern Gemüse ganzjährig produzieren können. Produktionsbegleitend soll den Kleinbauern eine Beratung zu finanziellen und produktions- sowie agrartechnischen Fragestellungen angeboten werden. Der geplante Technologiepark biete die Chance, die Produktion und den Absatz von Gemüse selbständiger (Klein-) Betriebe zu bündeln sowie angepasste Technologien in einem Maßstab zentral zur Verfügung zu stellen, die sowohl den Anforderungen der Gemüsebaubetriebe, als auch dem Naturraum gerecht werden.

Der Hochgebirgssee Issyk-Kul ist ein Wahrzeichen Kirgisistans und zum Teil UNESCO-Biosphärenreservat. Das erfordert die konsequente Berücksichtigung der Bereiche Klimaschutz, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit, die bei der Errichtung und dem Betrieb eines Technologieparks eingehalten werden müssen. Eine Ausweitung des Gemüsebaus am Gebirgssee scheiterte bisher an der klimatisch bedingten kurzen Vegetationsdauer, der fehlenden Spezialisierung und technischen Ausstattung, der geringen Möglichkeit der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie wegen des geringen Organisationsgrads in der Produktion und im Absatz der zahlreichen (Kleinst-) Bauernbetriebe. Diesen und weiteren Herausforderungen stellt sich das Projekt.

Im Rahmen des ProVeCA-Verbundprojektes erfolgt eine Reihe von Voruntersuchungen. So sollen beispielsweise vor Ort bestehende Gewässer zur Bewässerung des Gemüses und zur Kühlung der Gewächshäuser im Sommer genutzt werden. Hierzu müssen im Vorfeld die technischen Anforderungen zur Aufbereitung des Gletscherwassers (es enthält Gletscher-Sedimente), des Wassers des Issyk-Kul (mit einem relativ hohen Salzgehalt) sowie des vorhandenen Grundwassers (Entnahmemenge sowie Härtegrad) festgestellt werden. Auch die Frage der Reinigung, ggf. Rückführung und/oder der Nachnutzung des Abwassers sollte geklärt werden. Darüber hinaus muss ein Konzept entwickelt werden zur Entsorgung bzw. Aufarbeitung und Verwendung von „Abfall“. Die Festlegung der anzubauenden Gemüsesorten, deren energieeffizienter Anbau und die entsprechende Gewächshausplattform sowie der Einsatz eines Heizsystems gegen die winterlichen Minusgrade unter Nutzung vorhandener heißer Quellen, die Nutzung von Sonne, Wind und Biomasse als Energieträger, um Energie unabhängig wie umweltfreundlich zur Verfügung zu stellen, sollte völlig neu konzipiert werden. Zudem steht die Konzeptentwicklung zur Fachausbildung der Gartenbau-Betriebsmitarbeiter sowie zur Ausbildung lokaler Mitarbeiter zur Produktionsberatung der Betriebe an. Notwendige Genehmigungsverfahren und die Einbindung relevanter kirgisischer Regierungsorganisationen in die Projektumsetzung müssten festgelegt und ausgeführt werden.

Weiterhin stellen sich die Fragen der vorhandenen Infrastruktur sowie der Vermarktung der verderblichen Produkte: Die Fahrzeuge müssen hohe, enge Passstraßen bei Eis und Schnee wie bei Hitze bewältigen, Bahnverbindungen sind kaum oder nicht nutzbar. Ausgebaut wird die vorhandene Infrastruktur möglicherweise im Zuge des chinesischen Prestigeprojekts der „neuen“ Seidenstraße. Die kirgisische Regierung möchte die Märkte der Eurasischen Zollunion erreichen, da dort die Anbauzeiträume unterschiedlich sind, sodass Kirgisistan zeitversetzt verschiedene Märkte der ehemaligen Sowjetunion beliefern könnte.

Treibhäuser seien sehr wartungsintensiv und benötigten ausgebildetes Fachpersonal mit „grünem Daumen“, so die Mitarbeiter des Unternehmens Gefoma Gewächshausbau und -planung, Dr. Christian Huber und Georg Baumgartner. Die beiden Projektmitarbeiter Peter Straub und Benedikt Kirch setzen beim Betrieb der Gewächshäuser auf Smartphones als zentrale Module mit einer entsprechend auf die Bedürfnisse abgestimmten Systemsoftware und -technik, die möglichst störungsfrei gehalten werden sollte.

Das aktuelle halbjährige Definitionsprojekt dient zur Vorbereitung und Erstellung eines Vollantrages, der bis zum 31. Mai 2019 beim BMBF einzureichen ist. Dazu ist die Durchführbarkeit des Projektes abzuschätzen, ein internationales Forschungskonsortium aufzubauen und öffentliche wie private Anteilseigner zu finden, die sich am Projekt beteiligen. So müssen beispielsweise die Kosten geschätzt sowie die technischen Lösungsansätze auf jetzt schon zu erwartende Problemstellungen ermittelt und bewertet werden. Forschende Partner sollten zur Lösung anfallender wissenschaftlicher Fragestellungen in den Bereichen des Klimaschutzes, des Energieeinsatzes sowie des Pflanzenbaus eingebunden werden. Kontakte zu Institutionen, zur Industrie und Politik in Kirgistan sowie zum Wirtschaftsattaché der Deutschen Botschaft in der Hauptstadt Bischkek müssen aufgebaut bzw. vertieft werden.

Zur Hintergrundinformation

Seit dem Jahr 2015 existiert zwischen der Hochschule Würzburg-Schweinfurt und der Staatlichen Kirgisischen Technischen Universität ein sogenanntes „Memorandum of Understanding“ (Absichtserklärung), nach dem beide Seiten ihr Interesse bekunden, im Bereich Forschung und Bildung zusammenzuarbeiten.